Zürich, 9. Juni 2026 – Während in der Schweiz über Sparprogramme, Schuldenbremse und die Finanzierung öffentlicher Leistungen diskutiert wird, schütten Europas grösste Unternehmen einen Grossteil ihrer Gewinne an Aktionär*innen aus. Ein neuer Oxfam-Bericht, für den Solidar Suisse die Schweizer Zahlen ausgewertet hat, zeigt: Auch Schweizer Grosskonzerne tragen dazu bei, dass sich Reichtum, Macht und Einfluss bei wenigen konzentrieren – auf Kosten von Löhnen, Mitbestimmung und Klimaschutz.

Neun der 100 grössten im Bericht untersuchten europäischen Unternehmen haben ihren Hauptsitz in der Schweiz, darunter Nestlé, Novartis, Roche, UBS und Glencore. Sie stehen für ein Geschäftsmodell, das Gewinne in erster Linie an Aktionär*innen ausschüttet, statt sie stärker in faire Löhne, soziale Absicherung oder die ökologische Transformation zu investieren.

Zwischen 2022 und 2024 gingen im Schnitt 70 Prozent der Gewinne der grössten europäischen Unternehmen an Aktionär*innen. Gleichzeitig stiegen die Dividenden in den vergangenen 20 Jahren um 139 Prozent – doppelt so stark wie die Löhne. Auch die Unterschiede innerhalb der Unternehmen sind enorm: CEOs verdienen im Schnitt 78-mal mehr als ihre Mitarbeitenden. Der CEO von Novartis erhielt 2024 eine Vergütung von 20,3 Millionen Euro und gehört damit zu den bestbezahlten Unternehmenschefs Europas.

Schweiz als Standort mit besonders günstigen Bedingungen

Die Schweiz spielt in dieser Entwicklung eine zentrale Rolle. Bei Nestlé, Novartis, Swiss Re und Zurich Insurance lag die Ausschüttungsquote 2024 bei über 100 Prozent. Das bedeutet: Diese Unternehmen zahlten mehr Geld an Aktionär*innen aus, als sie erwirtschafteten. Zugleich liegen die CEO-Vergütungen in Schweizer Grossunternehmen über dem europäischen Durchschnitt. 2024 betrug die  durchschnittliche CEO-Vergütung bei den untersuchten Schweizer Unternehmen rund 8,3 Millionen Euro – gegenüber knapp 6 Millionen Euro im europäischen Schnitt.

Die Schweiz bietet multinationalen Konzernen zudem ein attraktives steuerliches Umfeld und vergleichsweise schwache Vorgaben bei Transparenz und Unternehmensverantwortung. Gerade in einem Land, in dem öffentliche Leistungen unter Spardruck geraten und über knappe Mittel debattiert wird, ist das problematisch: Eine gerechte Besteuerung von Unternehmensgewinnen und Vermögen ist zentral, um öffentliche Dienstleistungen zu finanzieren und Ungleichheit zu begrenzen.

Bis heute fehlt in der Schweiz ein öffentliches Country-by-Country Reporting. Dadurch bleibt weitgehend unsichtbar, in welchen Ländern Konzerne ihre Gewinne erzielen und wo sie tatsächlich Steuern bezahlen.

Ungleichheit setzt sich auch innerhalb der Unternehmen fort

Der Bericht zeigt auch, wie sich Ungleichheiten innerhalb grosser Unternehmen verfestigen. Bei jenen Unternehmen, die entsprechende Daten veröffentlichen, verdienen Frauen im Schnitt 10,7 Prozent weniger als Männer. Gleichzeitig sind Frauen in den obersten Führungspositionen stark untervertreten. Auch die Mitbestimmung der Beschäftigten nimmt ab: Der Anteil der Arbeitnehmervertretungen in Unternehmensgremien sank zwischen 2022 und 2024 von 32,4 % auf 30,3 %. Gleichzeitig legen nur 18 % der Unternehmen offen, wie viel sie für Lobbying ausgeben.

Klare politische Regeln statt freiwillige Versprechen

«Ungleichheit ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen», sagt Susanne Rudolf, Kampagnenverantwortliche bei Solidar Suisse. «Heute werden Unternehmensgewinne vor allem an Aktionär*innen ausgeschüttet, während Investitionen in faire Löhne, soziale Absicherung und die ökologische Transformation ungenügend bleiben. Das ist auch in der Schweiz ein politisches Problem – gerade, wenn gleichzeitig bei öffentlichen Leistungen gespart wird.» Wenn Ungleichheit politisch gemacht ist, kann sie auch politisch reduziert werden. Deshalb fordert Solidar Suisse konkrete Massnahmen.

Was die Politik tun muss

  • Ein öffentliches Country-by-Country Reporting einführen, damit Gewinnverschiebungen und Steuervermeidung sichtbar werden;
  • verbindliche Regeln zur Konzernverantwortung und zum Schutz der Menschenrechte entlang globaler Lieferketten schaffen;
  • mehr Transparenz über Lobbying und politische Einflussnahme von Unternehmen sicherstellen;
  • grosse Vermögen und sehr hohe Einkommen stärker besteuern, damit öffentliche Dienstleistungen finanziert und extreme Konzentrationen von Reichtum begrenzt werden.

Was Unternehmen ändern müssen

  • Gewinne gerechter verteilen und stärker in Löhne, Arbeitsbedingungen und Klimaschutz investieren;
  • exzessive Lohnunterschiede abbauen;
  • ihre wirtschaftlichen, steuerlichen und politischen Praktiken transparenter machen.

Kontakt für Medienanfragen

Melanie Wirz, Verantwortliche Kommunikation und Medien, Solidar Suisse
melanie.wirz@solidar.ch | 044 444 19 18

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