In den 60er Jahren wurden noch «Experten» und Kühe nach Ruanda verschifft, um die Landwirtschaft zu intensivieren. Heute gehört es jedoch zum Selbstverständnis der IZA, sich an lokalen Bedürfnissen auszurichten. Dennoch gibt es weiterhin viele Stolpersteine. Über 40 Schweizer NGOs haben deshalb gemeinsam ein Manifest erarbeitet. Es ist ein Aufruf zu gemeinsamen Schritten auf dem Weg zu gleichberechtigten Partnerschaften.

Die Diskussion rund um die Dekolonisierung und Lokalisierung der internationalen Zusammenarbeit (IZA) wurde in den letzten Jahren oft mit einem verengten Blick auf die Finanzflüsse geführt: Die Lokalisierung der Zusammenarbeit sei dann erreicht, wenn mehr Mittel direkt an lokale Partner vergeben würden. Diese Perspektive blendet aber zentrale Machtfragen aus, die es auch in Partnerschaften gibt. Zum Beispiel, wer die Projekte und Programme definiert, wer in relevante Entscheidungsprozesse einbezogen und wessen Expertise gehört wird. Mehr Mittel direkt an lokale Akteur:innen zu vergeben, reicht nicht aus, wenn gleichzeitig die strategischen Prioritäten in der Schweiz bestimmt werden.

Lokale Selbstbestimmung sorgt nicht nur für mehr Wirkung, sondern stärkt auch die Widerstandsfähigkeit von Gemeinschaften, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden globalen Herausforderungen. Bei der Umsetzung von Projekten und Programmen, die sich an den Bedürfnissen und Herausforderungen der lokalen Gemeinschaften ausrichten, zeigen sich jedoch zahlreiche Hürden. Rigide Vorgaben der Geldgeber können verhindern, dass die Unterstützung lokaler Partner flexibel und effizient gestaltet werden kann. Oder Fundraising- und Kommunikationsstrategien können den ethischen Grundsätzen einer Partnerschaft auf Augenhöhe widersprechen. Deshalb ist dieses Manifest sowohl ein Leitfaden für die Arbeitsweise der Schweizer NGOs als auch ein Aufruf an die Geldgeber, ihre Rahmenbedingungen so auszugestalten, dass eine lokal verankerte IZA möglich ist.

Gleichzeitig ist das Manifest auch eine Antwort auf das Erstarken autoritärer Kräfte, welche Menschenrechte gezielt untergraben, zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume einschränken und den Multilateralismus in seinem Fundament schwächen. Umso bedeutender ist deshalb heute eine internationale Zusammenarbeit, die die Verletzlichsten dieser Welt ins Zentrum stellt. Dies kann aber nur erreicht werden, wenn sich lokale Akteure, Schweizer NGOs, Regierungen, Geldgeber, Privatsektor und die Wissenschaft als Verbündete verstehen, die gemeinsam zur Verwirklichung der Menschenrechte beitragen.

Viele der unterzeichnenden Organisationen sind in ihren Lokalisierungsbestrebungen bereits weit vorangekommen. Dennoch bleibt für alle Handlungsbedarf. Denn jede Organisation steht vor eigenen Herausforderungen – und entwickelt entsprechend unterschiedliche Lösungsansätze. Jetzt gilt es, diese Erfahrungen zu bündeln und gemeinsam voranzugehen.

Lokalisierung wirkt: Drei Beispiele aus der Praxis

Wie gleichberechtigte Partnerschaften konkret aussehen, zeigt Solidar Suisse in Myanmar, Pakistan und Rumänien. Die Beispiele verdeutlichen, wie lokale Verankerung und internationale Expertise zusammenwirken, um Wirkung, Zugang und Nachhaltigkeit zu stärken.

Myanmar: Lokale Netzwerke ermöglichen Zugang und Wirksamkeit

In Myanmar setzen wir gemeinsam mit einer lokalen Partnerorganisation ein Projekt in einem Gebiet um, das nicht von der Militärjunta kontrolliert wird und zu dem der Zugang für internationale Akteure stark eingeschränkt ist. Dank der etablierten lokalen Netzwerke und Beziehungen des Partners können Aktivitäten trotz der schwierigen Rahmenbedingungen sicher und wirkungsvoll umgesetzt werden. Gleichzeitig unterstützen wir die Organisation technisch – etwa in den Bereichen WASH und Shelter – sowie mit Beratung zu Sicherheit und Risikoanalysen. Diese Zusammenarbeit verbindet lokale Verankerung mit internationaler Fachkompetenz: so lokal wie möglich, so international wie nötig. Dadurch entsteht ein Ansatz, der sowohl wirksam als auch verantwortungsvoll ist und den Schutz aller Beteiligten gewährleistet.

Pakistan: Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen

Solidar Suisse arbeitet seit 2022 eng mit der Sustainable Peace and Development Organization (SPADO) im Norden Pakistans zusammen. Gemeinsam unterstützen wir afghanische Geflüchtete, und helfen Familien, die durch Überschwemmungen alles verloren haben, beim Wiederaufbau und beim Überstehen der Wintermonate. Die Partnerschaft beruht auf klarer Komplementarität: Während das kleine Team von Solidar Suisse eine beratende Rolle übernimmt und für Qualitäts- und Wirkungs­sicherung zuständig ist, verfügt SPADO über tief verankerte lokale Netzwerke und erreicht Bevölkerungsgruppen in abgelegenen und sicherheitssensiblen Gebieten, die für internationale Organisationen kaum zugänglich sind. Durch diese Zusammenarbeit wird unsere Arbeit so lokal wie möglich und so international wie nötig umgesetzt – mit maximalem Zugang, Wirkung und Sicherheit.


Rumänien: Institutionelle Stärkung als Grundlage lokaler Führungsrolle

In Rumänien arbeiteten wir mit einer kleinen lokalen Organisation zusammen, die zu Beginn des Ukraine-Konflikts mit dem enormen Zustrom Geflüchteter und den vielfältigen neuen Anforderungen rasch an ihre Kapazitätsgrenzen kam. Durch unsere gemeinsame Arbeit und einfache Massnahmen zur Stärkung der Organisation – zum Beispiel beim Projektmanagement, bei Regeln und Abläufen oder bei der Entwicklung der Organisation  wurde der Partner zu einem anerkannten humanitären Akteur im Land. Mit der gestiegenen organisatorischen Stärke wuchs auch die Sichtbarkeit. Die Organisation konnte zusätzliche Finanzierungsquellen erschliessen, unter anderem auch von Schweizer Gebern ausserhalb unserer Partnerschaft. Das Beispiel zeigt, wie Lokalisierung nicht nur kurzfristige Nothilfe ermöglicht, sondern lokale Strukturen stärkt, die langfristig tragfähig sind.
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