Felix Gnehm, weshalb ist es so wichtig, dass wir extreme Ungleicheit bekämpfen? Extreme Ungleichheit schadet jeder Gemeinschaft. Die Wissenschaftler*innen Kate Pickett und Richard Wilkinson haben in ihrem Buch «Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind» folgende These mit Daten belegt: Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto grösser sind die sozialen Probleme. Gesellschaften mit ausgeglichener Verteilung von Wohlstand leben gesünder, sind besser gebildet und glücklicher. Solidar Suisse unterstützt daher seit jeher wirkungsvolle Strategien für eine gerechtere Verteilung von Vermögen, Einkommen und Chancen.
Beeinflusst die extreme Ungleichheit unsere Gesellschaft derart negativ? Auf jeden Fall. Je mehr Menschen es gibt, die hungern, kein Wasser haben, es nicht vermögen, ihre Krankheiten zu behandeln und ihre Kinder zur Schule zu schicken, desto schlechter ist der Zustand einer Gesellschaft. Wenn nun in derselben Gesellschaft das Vermögen der Reichsten ständig zunimmt, wächst verständlicherweise auch die Unzufriedenheit. Dies ist gefährlich, denn sie bildet den Nährboden für politische Radikalisierung und Populismus.
Was unternimmt die Politik gegen extreme Ungleichheit? Erstaunlicherweise hinkt die Politik der gesellschaftlichen Strömung hinterher. Weltweit fordert die Mehrheit der Menschen längst Massnahmen gegen die extreme Ungleichheit: gerechte Steuersysteme, anständige Löhne und würdige Arbeitsbedingungen für alle, Zugang zu den wichtigsten Gütern und öffentlichen Diensten wie Schulen, Wasser, Strom, Nahrung, Gesundheitsversorgung oder nur schon ein sicheres Dach über dem Kopf. Dass daneben Managerlöhne, Dividenden und Boni in schwindelerregende Höhen ansteigen, ist absolut stossend!
Weshalb gefährdet die extreme Ungleichheit die Umwelt? Wir Schweizer*innen tragen mit unserer brummenden Wirtschaft und dem zügellosen Konsum stark zum Klimawandel und damit zum Verlust von Biodiversität und zur Zerstörung von lebenswichtigen Ökosystemen wie Seen, Meere oder Tropenwäldern bei. Konsum hier, für uns unsichtbare und nicht spürbare Schäden anderswo. Die planetarischen Belastungsgrenzen wurden überschritten. Nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung profitiert davon, während der grössere Teil der Menschen in den ärmsten Ländern die Zeche zahlen.
Was können wir alle gegen die Ungleichheit tun? Wir können durch unser Konsumverhalten, aber noch viel wichtiger durch unser politisches Engagement viel beitragen zur Reduktion extremer Ungleichheit. Wir brauchen gerechte Lieferketten, damit die Arbeiter*innen auf der anderen Seite der Welt anständig verdienen und mehr Wertschöpfung generieren. Wir brauchen faire Handelsbeziehungen mit den ärmeren Staaten. Wir brauchen eine faire Lastenteilung bei der Bekämpfung des Klimawandels. Denn die überwältigende Mehrheit der Menschen will nicht zulassen, dass die Wenigen im Geld schwimmen, während viele Nachbar*innen verhungern. Diese simple Ethik sollte uns doch alle antreiben.
«Nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung profitiert davon, während der grössere Teil in den ärmsten Ländern die Zeche zahlen soll.»