Allein auf der Flucht

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Über zwei Millionen Menschen haben die Ukraine bisher verlassen. Die meisten Geflüchteten sind Frauen und Kinder. Yuliia Temchenko floh mit ihren beiden drei- und fünfjährigen Söhnen aus Kiew, als Russland die Hauptstadt zu bombardieren begann. Zum internationalen Frauentag erzählt sie ihre Geschichte.

Am 22. Februar wurde Yuliia Temchenko 37 Jahre alt. Sie feierte den Geburtstag in ihrer Heimatstadt Kiew, ein Restaurantbesuch mit Freunden. „Ich sagte ihnen, dass ich nicht an eine totale russische Invasion in der Ukraine glaube, dass die Politik den Konflikt lösen und Putin seine Truppen wieder abziehen werde, bevor sie in Kiew einmarschieren“, erinnert sie sich. 24 Stunden später stand sie im 11. Stock am Fenster ihrer Wohnung und sah in der Ferne die Bomben fallen.

Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine sind mehr als zwei Millionen Menschen geflohen. Sie suchen Schutz in den Nachbarländern Moldawien, Ungarn, Polen, der Slowakei und Rumänien. Die meisten sind Frauen und Kinder. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen. „Viele von ihnen wollen auch gar nicht gehen“, sagt Yuliia Temchenko. „Sie wollen für ihre Heimat kämpfen.“ Deshalb kommen in den beiden rumänischen Städten Timisoara und Brasov, in denen zwei Partnerorganisationen von Solidar Suisse die Geflüchteten unterstützen, viele Frauen allein mit ihren Kindern an. So auch Yuliia Temchenko.

Yulia Temchenko im Empfangszentrum in Brasov.
Yulia Temchenko im Empfangszentrum in Brasov.

Yuliia Temchenko mit ihren Kindern im Empfangszentrum der Solidar-Partnerorganisation Migrant Integration Center in Brasov.

Als die Sirenen in Kiew aufheulten, wusste sie: Ich muss hier weg
Die Nacht nach ihrem Geburtstag verbrachte Yuliia Temchenko unter den Strassen Kiews. Wie tausende andere suchte sie mit ihren Kindern Schutz in der U-Bahn-Station Vurlucya, bei Minustemperaturen. „Ich packte die Kinder in Winterkleidung, nahm Kissen, Decken und Essen mit, und wir suchten uns einen Platz in den unterirdischen Gängen. Ich tat kein Auge zu, aber immerhin ging es meinen Kindern gut. Sie dachten, wir würden hier zum Spass campieren.“ Am nächsten Morgen wollte sie mit den Kindern zurück in die Wohnung, einen Plan schmieden, wie es weitergehen soll. „Ich war noch immer der Überzeugung, dass wir Kiew nicht verlassen würden.“ Doch bereits als sie auf der Treppe der U-Bahn-Station war, gingen die Bombensirenen los. „In dem Moment realisierte ich: Wir müssen hier weg.“

Auch wenn sie freundlich aufgenommen werden, haben es die Frauen, welche die Ukraine allein verlassen haben, nicht einfach. „Viele sprechen nur ukrainisch oder russisch. Sie kommen zum Beispiel ohne Geld in Rumänien an. Jetzt alles allein zu meistern – weit weg von ihrem Zuhause – das ist eine unbeschreibliche Situation“, sagt Yuliia Temchenko. Sie selbst sorgte bereits zu Hause allein für sich und ihre Kinder. Sie ist Anwältin und führte ein gutes Leben, wie sie selbst sagt. „Es ist schwierig für mich, in dieser Situation auf andere angewiesen zu sein. Ich bin unendlich dankbar, dass so viele Menschen ihre Hilfe und Solidarität anbieten, mir ein Dach über dem Kopf und Perspektiven geben. Aber das Gefühl, abhängig und hilflos zu sein, tut mir in der Seele weh.“

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