Der Weg zu sauberem Leder
In Bangladesch bringt eine Plattform Akteur*innen zusammen – für eine umweltverträgliche Lederindustrie mit würdigen Arbeitsbedingungen.
Text: Indira Gartenberg, Verantwortliche Asienprogramm für würdige Arbeit
Die Lederproduktion in Bangladesch ist von gefährlichen Chemikalien, tiefen Löhnen und Umweltverschmutzung geprägt. Zivilgesellschaftliche Organisationen kritisieren die Verletzung der Arbeitsrechte insbesondere in den Gerbereien: «Die Arbeiter*innen leiden häufig unter Haut- und Lungenerkrankungen, Kopfschmerzen, Durchfall und Müdigkeit, weil sie ohne Schutz mit gefährlichen Chemikalien hantieren müssen», berichtet die NGO Asia Foundation. «Die meisten Gerbereien halten sich nicht an nationale oder internationale Standards für Lagerung, Transport und Verwendung gefährlicher Chemikalien.» Auch umliegende Gemeinden sind stark von der Umweltverschmutzung durch Gerbereien betroffen.
Wirtschaftskraft mit Schattenseiten
Als Produzentinnen des zweitwichtigsten Exportartikels von Bangladesch beschäftigen Gerbereien, Schuh- und Lederwarenfabriken direkt und indirekt fast eine Million Arbeiter*innen. Derzeit exportiert Bangladesch seine Lederprodukte in 53 Länder, darunter auch die Schweiz. Schuhe machen dabei mehr als die Hälfte aus, Nachfrage steigend. 2019 definierte die Regierung die aufstrebende Lederindustrie als Schwerpunktbranche und setzte eine hochrangige Arbeitsgruppe ein, um die Einhaltung der Vorschriften zu verbessern, Arbeitnehmer*innenrechte zu schützen und internationale Zertifizierungen zu erhalten.
Doch die Herausforderungen sind gross und Ereignisse wie die Coronapandemie, der Ukrainekrieg oder die gegenwärtige Zollpolitik der USA haben das Problem der unsicheren Arbeitsplätze, die unregelmässige Bezahlung und die Ausbeutung der Arbeiter*innen in den Lieferketten noch verschärft. Ausserdem führt die Einschränkung der Zivilgesellschaft durch die Regierung dazu, dass der Raum, um Verbesserungen durchzusetzen und ihre Rechte einzufordern, für Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen enger wird.
Arbeiterinnen in einer Lederfabrik in Bangladesch.
«Das Leather Development Forum unterstützt Arbeitgebende auch dabei, die Vorschriften zur Sorgfaltspflicht bezüglich Menschenrechte und Umwelt zu erfüllen, um für Standards wie das neue EU-Lieferkettengesetz gerüstet zu sein.»
Gemeinsam für bessere Standards
Um die Lederindustrie trotz aller Widerstände sozial- und umweltverträglicher zu machen, hat die Solidar-Partnerorganisation Bangladesch Occupational Health, Safety and Environment Foundation (OSHE) das Leather Development Forum (LDF) mit aufgebaut. Die Plattform bringt Akteur*innen der Zivilgesellschaft, Arbeitgebende, Regierung, Gewerkschaften und die Wissenschaft auf nationaler und globaler Ebene zusammen. Sie ermöglicht auch den Austausch von Fachwissen unter Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen. So können gemeinsam Ideen für dauerhafte Verbesserungen in den Bereichen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, Gender und internationale Arbeitsrechts- und Umweltstandards entwickelt werden. Mit Erfolg: Die Regierung berücksichtigte eine LDF-Studie als Referenz für die Anhebung des Mindestlohns in den Gerbereien, die diesen Dezember in Kraft treten soll. Es wurde ein Vorschlag für die Verankerung eines Mutterschaftsurlaubs im Arbeitsrecht entwickelt, und Empfehlungen für Arbeits- und Umweltvorschriften haben zu einer besseren Abwasserreinigung geführt.
Wenn globale und lokale Akteur*innen sich verbünden
«Das LDF unterstützt Arbeitgebende auch dabei, die Vorschriften zur Sorgfaltspflicht bezüglich Menschenrechte und Umwelt zu erfüllen, um für Standards wie das neue EU-Lieferkettengesetz gerüstet zu sein», sagt OSHE-Geschäftsleiter Alam Hossain. So können internationale Regeln Arbeiter*innen dabei unterstützen, trotz schwacher oder nicht umgesetzter nationaler Gesetze ihre Rechte einzufordern – und umgekehrt machen lokale Gewerkschaften Druck, wenn internationale Mechanismen keine Wirkung zeigen.
Unser Magazin Soli
Die globalen Wertschöpfungsketten unserer Konsumprodukte sind komplex und schnelllebig, allein ihre Transparenz ist eine Herausforderung. Und sie sind von enormen Machtunterschieden geprägt: oben Unternehmen aus reichen Ländern, die hohe Profite einfahren, unten Arbeiter*innen aus dem Globalen Süden, die nicht von ihrem Lohn leben können. Die Erfahrung zeigt: Freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen verhindern die Ausbeutung von Arbeiter*innen und die Zerstörung der Umwelt nicht.
Erfahren Sie in der neuen Soli, wie wir uns für verbindliche Regelungen einsetzen.