Die Generation Z kämpft für eine Zukunft für alle
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Autor
Christina Tsang
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Jugendproteste weltweit: Digital vernetzt und blitzschnell mobilisiert, fordern Jugendliche von Kamerun über Bangladesch bis Peru ein Ende von Korruption, Misswirtschaft und Ungleichheit.
2025 war ein Jahr der Auseinandersetzungen: anhaltende Konflikte in Europa, Asien und Afrika, politische Umwälzungen rund um den Globus. «Gen-Z-Proteste» wurde in den internationalen Medien zum Begriff: die Proteste der etwa zwischen 1995 und 2010 Geborenen – sprich der 15- bis 30-Jährigen. Es ist die erste Generation, die kein Leben ohne Internet und andere digitale Technologien kennt. Sie fordert Veränderungen mithilfe von Memes und Hashtags, verbunden auf Social-Media-Plattformen durch gemeinsame Symbole wie der Flagge der Strohhutpirat*innen, reagiert und mobilisiert sie schnell. Sie wartet nicht auf Veränderungen, sondern führt sie selbst herbei.
Jugendliche haben schon oft die Gesellschaft bewegt, von der 68er Bewegung bis zum Arabischen Frühling. Neu sind bei den aktuellen Protesten die digitale Vernetzung und die globalen Zusammenhänge. So gab es seit Beginn der 2020er Jahre weltweit mehr als ein Dutzend von Jugendlichen angeführte Proteste.
Überraschungsmoment
Die schnelle Mobilisierung traf alternde Eliten und etablierte, unflexible Institutionen unvorbereitet. In Bangladesch, Nepal und Madagaskar führte sie rasch zu einem Machtwechsel. In anderen Ländern bemühen sich die Bewegungen, ohne Führungsfiguren durch das manipulierte System zu navigieren.
Die Generation Z ist gut ausgebildet, technisch versiert und hat wachsende Ambitionen. Sie sieht sich jedoch mit einem Arbeitsmarkt konfrontiert, der nur begrenzte Möglichkeiten für sozialen Aufstieg bietet. Angesichts mangelnder Kanale für politische Einflussnahme waren Demonstrationen der einzige Weg, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Schnell schlossen sich den Jungen Menschen jeden Alters und aus allen Gesellschaftsschichten an. Überall begannen die Proteste mit friedlichen Versammlungen, aber die Regierungen gerieten angesichts der Massen in Panik und gingen mit harter Hand vor: von digitaler Unterdrückung und Zensur bis hin zu Gewaltanwendung. Unter dem Banner der sozialen Gerechtigkeit schlossen sich verschiedenste Menschen mit unterschiedlichen Prioritäten zusammen, und es ist offen, ob echte und dauerhafte Veränderungen realisiert werden können.
Autoritäre Langzeitherrscher*innen
In Bangladesch gingen Jugendliche bereits im Sommer 2024 auf die Strasse – und stürzten die seit 15 Jahren herrschende Premierministerin Sheikh Hasina. Auch quer über den afrikanischen Kontinent kam es zu Protesten gegen autoritäre und korrupte Regierungen. So demonstrierten die Kameruner*innen im Oktober nach manipulierten Wahlen, bei denen der seit 43 Jahren herrschende Paul Biya zum Sieger erklärt wurde, gegen hohe Arbeitslosigkeit und mangelnde Gesundheitsversorgung aufgrund von Korruption und schlechter Regierungsführung.
Misswirtschaft
In Kenia erhöhte die Regierung wegen der wachsenden Schulden die Steuern, was angesichts von Armut und dem Verschwinden von Regierungskritiker*innen zu Protesten führte. In Madagaskar gingen Jugendliche aufgrund chronischer Strom- und Wasserausfälle auf die Strasse. Breite Teile der Bevölkerung schlossen sich ihrer Kritik an der Misswirtschaft der Regierung an. Diese wurde gestürzt und eine Übergangsregierung gebildet – jedoch unter Führung des Militärs. In Marokko kam es wegen Millioneninvestitionen der Regierung in den Bau von Weltklasse-Stadien fur die FIFA-Weltmeisterschaft 2030 zu Protesten. Als publik wurde, dass acht schwangere Frauen in öffentlichen Krankenhäusern gestorben waren, gingen die Marokkaner*innen auf die Strasse und forderten «Gesundheit vor Fussball».
In Nepal wurden die Proteste durch die Blockierung sozialer Medien ausgelöst und verwandelten sich schnell in einen Aufstand gegen die herrschende Kaste, deren «Nepo-Kinder» sich auf Social Media in Saus und Braus präsentierten.
Demonstrant*innen an der University of the Philippines Diliman in Manila während des landesweiten Streiks am 21. November 2025.
Korruption
In Serbien protestierten Jugendliche bereits im November 2024, ausgelöst durch den Einsturz des Betonvordachs des Bahnhofs in Novi Sad, gegen Korruption als Ursache für schlechte Infrastrukturprojekte.
Auch in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern demonstrierten Jugendliche gegen Korruption und die ungenügende Bekämpfung von Bandengewalt. So in Mexiko, wo am 1. November im Bundesstaat Michoacan der Burgermeister Carlos Manzo – der siebte in vier Jahren – umgebracht wurde; er hatte das schwache Vorgehen von Präsidentin Sheinbaum gegen die Drogenkartelle kritisiert. Nach den Protesten gegen Kriminalität, Korruption und die «Narco-Regierung» wurden jedoch Stimmen laut, die von einer Instrumentalisierung und KI-generierten Protestaufrufen sprachen.
Die lange Hand des Kolonialismus
Die Kontexte sind unterschiedlich, doch die Proteste weisen auch Gemeinsamkeiten auf. So ist die Situation in vielen Ländern eine Folge von Kolonialismus, der von Zwangsarbeit, Plantagenwirtschaft und ausbeuterischen Steuern geprägt war. Nach der Unabhängigkeit übernahmen die neuen Eliten zentralisierte Regierungsstrukturen, was zur systemischen Korruption und Vetternwirtschaft führte, gegen die nun protestiert wird. Frankreich stutzte das autoritäre Regime in Kamerun lange Zeit, um seine Interessen – von Militärstützpunkten bis zu Ölgeschäften – zu sichern und versucht bis heute, koloniale Machtstrukturen und wirtschaftliche Abhängigkeiten aufrechtzuerhalten. Dazu kommen krisenhafte Umbruche weltweit, zunehmende soziale Ungleichheit und massive soziale und ökonomische Verwerfungen durch die Coronapandemie, von denen Jugendliche besonders betroffen sind. In vielen Ländern ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahre alt: Gut ausgebildet und digital vernetzt, erwarten die Jungen statt einer besseren Zukunft Arbeitslosigkeit und die Misswirtschaft ihrer Regierungen. Und über allem hängt das Damoklesschwert der Klimakrise, die kaum angegangen wird.
Offener Ausgang
Der Ausgang der Gen-Z-Proteste ist in vielen Ländern offen. In Bangladesch, Madagaskar, Nepal und der Mongolei – Mitte Dezember kam noch Bulgarien dazu – gab es Regierungswechsel, aber auch hier halten Unsicherheit und Spannungen an. Und das Machtvakuum können sich auch autoritäre Kräfte zunutze machen. In anderen Ländern sind die Proteste aufgrund von Polizei- und Militäreinsätzen abgeklungen, aber die Bewegungen bleiben aktiv. Für eine bessere Zukunft riskieren Jugendliche Haftstrafen und ihr Leben. Entscheidend für den Erfolg war, dass grosse Teile der Bevölkerung sich ihnen anschlossen. Sie fordern soziale Gerechtigkeit: gleicher Zugang zu Wohlstand, Chancen, Gesundheit und Privilegien für alle, unabhängig von Herkunft, Identität oder Lebensumstanden. Dafür setzt sich auch Solidar Suisse ein.
Unser Magazin Soli
Ob in Nairobi, Dhaka oder Lima: Die Gen Z lässt sich nicht mehr vertrösten. Ihr Zorn richtet sich gegen Korruption, Misswirtschaft und Ungleichheit – befeuert durch miese Jobchancen, die Folgen des Kolonialismus und die ignorierte Klimakrise. Mit Social-Media-Posts, Streiks und kreativen Aktionen fordert sie Regierungen heraus. Mit Erfolg: Regierungen sind gezwungen, auf den Druck zu reagieren. Trotz Zensur und Gewalt gelang es auch, Regierungen zu stürzen.
Erfahren Sie in der neuen Soli, wie Jugendliche in Solidar-Projekten in Asien, Lateinamerika und Osteuropa für eine Zukunft für alle kämpfen.
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Christina Tsang