Langzeitkrise, Kurzzeitgedächtnis

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Krisen nehmen weltweit zu, überlagern sich, dauern an – und geraten in Vergessenheit. Die Folgen für Betroffene bleiben, die Solidarität oft nicht.

Ich bin die schmalen Pfade von Cox’s Bazar entlanggegangen, vorbei an provisorischen Schulen, die auf demselben schlammigen Boden wieder aufgebaut wurden, auf dem frühere Klassenzimmer weggespült worden waren. Ich stand inmitten der Trümmer von Hatay, nur wenige Tage nach dem Erdbeben, das eine Stadt voller Leben und Kultur innerhalb weniger Minuten in Schutt zusammenbrechen liess und Häuser zu Bruchstücken von Erinnerungen reduzierte. In Sindh, wo die Katastrophe Jahre zurückliegt, habe ich Gemeinschaften gesehen, die immer noch nicht aufatmen können: Das Wasser mag abgezogen sein, aber für viele sind die Auswirkungen noch immer spürbar.

Kein Ende in Sicht

Für uns, die im humanitären Bereich arbeiten, haben Krisen keinen klaren Anfang und kein klares Ende. Sie halten an, verändern Leben, sie erstrecken sich über Generationen und wandeln sich. Langwierige Krisen dominieren selten die Schlagzeilen. Sie sind zu kompliziert, zu endlos für die schnelle Berichterstattung. Doch ihre Folgen sind immens: Kinder, die in eine ungewisse Zukunft geboren werden; Teenager*innen, die in Lagern aufwachsen; Familien, die zwischen Krieg und einem unsicheren Frieden leben; Frauen, die genderspezifischer Gewalt ungeschützt ausgeliefert sind. Bei Solidar Suisse hat sich das Verständnis von «Notlage» weiterentwickelt. Es geht schon lange nicht mehr allein um Soforthilfe, sondern um langfristigen Wiederaufbau, die Stärkung der Belastbarkeit und die Begleitung von Gemeinschaften, solange es nötig ist.

«Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch schnelle Lösungen. Sie erfordert Vertrauen, Geduld und ein starkes Bekenntnis zu lokaler Entscheidungsmacht.»

Was eine Krise verlängert, sind nicht nur Gewalt oder Naturkatastrophen – es ist die Stille, die auf die Nothilfe folgt. Es ist der Moment, in dem der politische Wille versiegt. Wenn sich der Fokus der Öffentlichkeit auf anderes verlagert. Wenn Geberländer ihre Mittel für die Zusammenarbeit kürzen und stattdessen ihre Militärbudgets aufstocken. Das ist die Krise hinter der Krise: der schleichende Verlust an Solidarität.

Vergessene Krisen

In unserem Magazin werfen wir einen Blick auf lang anhaltende Krisen und die globalen Strukturen, die zu ihrem Fortbestehen beitragen. Von den sich verschärfenden Krisen in Myanmar und Syrien, wo Erdbeben eine bereits unter Zerstörungen durch Konflikte leidende Bevölkerung trafen und autoritäre Regimes den humanitären Bedarf verstärken, bis zum Wiederaufbau in der Ukraine, wo Veteran*innen in eine Gesellschaft zurückkehren, die noch immer unter Belagerung steht. Wir beleuchten den übersehenen Konflikt in Moçambique, der zusammen mit zunehmenden Naturkatastrophen aufgrund des Klimawandels zu Hungerkrisen führt, die betroffenen Menschen jedoch wegen der Kürzung von Mitteln immer weniger Unterstützung erhalten. Und wir zeigen auf, warum Solidarität weiterhin wichtig ist und viel bewirken kann. Es ist nicht nur die Not, die diese Geschichten verbindet. Es ist die Entschlossenheit, durchzuhalten. Es sind lokale Initiativen, in denen Menschen gemeinsam Lösungen entwickeln. Es ist Widerstand in seiner menschlichsten Form. Dass viele Krisen keine volle Aufmerksamkeit mehr erhalten, heisst nicht, dass die Notlage weniger akut wäre. Bangladesch beherbergt weiterhin über eine Million geflüchtete Rohingya, die Mehrheit von ihnen Kinder, ohne dass eine langfristige Lösung in Sicht wäre. Auch anderswo sind gefährdete Bevölkerungsgruppen mit wechselnder Politik und schwindender Unterstützung konfrontiert.

Geflüchtete Rohingya in Bangladesch erhalten immer weniger Unterstützung, obwohl sich ihre Situation in keiner Weise verbessert hat und Perspektiven fehlen.

Risse in der Solidarität

Und auch bei uns zeigen sich Risse in den Fundamenten der Solidarität. In der Schweiz behindern strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung (kurz SLAPP – Strategic Lawsuit Against Public Participation) das Engagement von NGOs für faire Handelsbeziehungen und die Einhaltung der Menschenrechte; und die massiven Kürzungen bei der internationalen Hilfe zeigen, dass globale Verantwortung zunehmend als verhandelbar oder gar entbehrlich angesehen wird.

Aber Entscheidungen, die in Bern oder Genf getroffen werden, haben Auswirkungen weit über die Schweizer Grenzen hinaus. Wenn die Unterstützung zurückgefahren wird, betrifft das über Kontinente hinweg Gemeinschaften, deren Existenz an einem seidenen Faden hängt. Dass internationale Solidarität – einst moralische Verpflichtung – nun als freiwillige Geste umgedeutet wird, hat direkte Konsequenzen. Die jüngsten Kürzungen der Finanzmittel bedeuten Einschnitte in Bereichen, in denen Unterstützung am dringendsten benötigt wird. So haben gemäss einer Umfrage der Uno-Organisation für humanitäre Unterstützung OCHA allein aufgrund der Kürzung der USAID-Gelder bis diesen Juni 79 Millionen Menschen den Zugang zu humanitärer Unterstützung verloren. Und die offizielle Auflösung von USAID Anfang Juli könnte laut einer Studie des Fachmagazins «The Lancet» 14 Millionen zusätzliche Tote zur Folge haben. Die Kürzungen stellen auch Solidar Suisse vor schwierige Entscheidungen. Dabei geht es nicht einfach um bürokratische Anpassungen, es sind Entscheidungen mit sehr hohen menschlichen Kosten.

«Denn auch wenn Lösungen in weiter Ferne zu liegen scheinen, zählt Solidarität weiterhin. Manchmal ist es schon ein Akt des Widerstands, immer wieder da zu sein. Mit Demut. Mit Beständigkeit. Mit Fürsorge.»

Das sind keine umfassenden Lösungen, aber sie sind wichtig. Sie geben den Menschen ein Gefühl der Selbstbestimmung, einen Moment der Würde, einen Funken Hoffnung zurück. Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch schnelle Lösungen. Sie erfordert Vertrauen, Geduld und ein starkes Bekenntnis zu lokaler Entscheidungsmacht. Das ist das Modell, das wir anstreben – flexibel und verankert in lokalen Realitäten.

Nachhaltige Veränderung statt schnelle Lösungen

Umso wichtiger ist es, weiterzumachen. In Myanmar und Syrien bauen wir zusammen mit unseren Partner*innen die Wasserversorgungssysteme wieder auf, reparieren Wohnhäuser und bieten Unterstützungsnetzwerke an. In der Ukraine führen wir psychosoziale Programme durch, um die Veteran*innen und die Gemeinschaft dabei zu unterstützen, einen Umgang mit den Kriegstraumatisierungen zu finden. In Burkina Faso, wo die Sicherheitslage und Klimakatastrophen die Lebensgrundlage kleiner Produzent*innen beeinträchtigen, unterstützen wir Genossenschaften dabei, ihre landwirtschaftliche Produktion wiederaufzubauen. Dabei passen wir unsere Arbeit kontinuierlich an, um stets auf die aktuellen Gegebenheiten reagieren zu können. Und in Mittelamerika, wo chronische Unsicherheit und wirtschaftliche Verzweiflung Migration und Instabilität schüren, schaffen wir Perspektiven für junge Menschen.

Gegen Widerstände auf Kurs bleiben

Langwierige Krisen zehren an unseren Kräften. Sie stellen unsere Ausdauer auf die Probe, strapazieren unser Mitgefühl. Und sie verlangen eine andere Art von Präsenz – beständig, unspektakulär und oft unbeachtet. Nicht jede Krise kann «gelöst» werden. Manche werden Teil einer neuen Normalität. Dennoch kann die Erholung beginnen. Und die Widerstandsfähigkeit wachsen. Denn auch wenn Lösungen in weiter Ferne zu liegen scheinen, zählt Solidarität weiterhin. Manchmal ist es schon ein Akt des Widerstands, immer wieder da zu sein. Mit Demut. Mit Beständigkeit. Mit Fürsorge. Denn hinter anhaltenden Notlagen stehen nicht nur verworrene geopolitische Geschichten, sondern Menschen. Menschen, die ihr Leben wieder aufbauen. Menschen, die sich an die veränderte Situation anpassen. Menschen, die trotz allem nicht aufgeben.

Unser Magazin Soli

Weltweit häufen sich lang anhaltende Krisen und werden immer komplexer. Naturkatastrophen treffen auf eine bereits durch Konflikte geschwächte Bevölkerung. Politische Entscheidungen und gekürzte Mittel verschärfen die Not. Doch die Welt schaut oft zu schnell wieder weg. Solidar Suisse setzt auf lokale Partnerschaften, Ausdauer und Menschlichkeit – gegen das Vergessen, gegen die Stille nach der Katastrophe. Denn echte Veränderung braucht nicht nur Nothilfe, sondern Zeit, Vertrauen und Präsenz. Nur so kann Hoffnung und Widerstandskraft wachsen.

Erfahren Sie in der neuen Soli, wie wir die von Krisen betroffene Bevölkerung unterstützen.

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