Südosteuropa:
26 Jahre, viele Menschen, eine Überzeugung
Von Rumänien bis Kosovo, von Bosnien bis Nordmazedonien: Solidar Suisse hat in Südosteuropa 26 Jahre lang Menschen unterstützt, die sich für gerechtere Arbeitsbedingungen, bessere Bildung und ein würdiges Leben eingesetzt haben. Nun ist Schluss. Eine Zeitreise.
Als das Schweizerische Arbeiterhilfswerk – heute Solidar Suisse – Anfang der 1990er Jahre seine ersten Projekte in Rumänien startete, war Südosteuropa eine Region im Umbruch. Diktaturen waren gestürzt, Kriege brachen aus, ganze Gesellschaften mussten sich neu erfinden. In den folgenden 26 Jahren begleitete Solidar Suisse diesen Wandel: beim Wiederaufbau nach Kriegen, beim Aufbau von Sozialstrukturen, bei der Stärkung von Gewerkschaften und Zivilgesellschaft, bei der beruflichen Integration von Jugendlichen, beim Schutz von Geflüchteten und bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen.
Heute schliesst Solidar Suisse sein Engagement in Südosteuropa ab – aus finanziellen Gründen, nicht aus Überzeugung. Was bleibt, sind starke Partnerorganisationen, nachhaltige Strukturen und Menschen, die gelernt haben, für ihre Rechte einzustehen. Dies ist ihr gemeinsamer Rückblick.
Die ersten Schritte in Südosteuropa
Rumänien, Anfang der 1990er Jahre
1989 fiel die Diktatur. Nicolae Ceaușescu wurde gestürzt, Rumänien öffnete sich – und stand vor einer gewaltigen Aufgabe: Wie baut man eine Gesellschaft neu auf, die jahrzehntelang unter autoritärer Herrschaft geformt wurde?
Solidar Suisse war früh dabei. Unter dem damaligen Namen Schweizerisches Arbeiterhilfswerk engagierte sich die Organisation zu Beginn der 1990er Jahre in Rumänien und unterstützte den schwierigen Übergang von der sozialistischen Planwirtschaft zur Demokratie und freien Marktwirtschaft. Im Zentrum standen Fragen, die damals noch niemand abschliessend beantworten konnte: Wie funktioniert ein freier Arbeitsmarkt? Welche Rolle spielen Gewerkschaften in einer neuen Gesellschaft? Wie können Arbeitnehmer*innen ihre Rechte kennen und einfordern?
Diese frühen Erfahrungen in Rumänien legten den Grundstein für alles, was folgen sollte: ein regionales Programm, das über zwei Jahrzehnte lang Menschen in Südosteuropa dabei begleiten würde, ihre Arbeitswelt, ihre Gemeinschaften und ihre Zukunft aktiv mitzugestalten.
Nach dem Krieg – Vertrauen neu aufbauen in Mostar
Bosnien: Wiederaufbau des Zusammenhalts, 1996-1998
Der Krieg in Bosnien und Herzegowina hinterliess nicht nur zerstörte Häuser und Infrastruktur. Er hinterliess vor allem zerstörtes Vertrauen – zwischen Nachbarn, zwischen Ethnien, zwischen Menschen, die einmal in denselben Strassen gelebt hatten.
Ab 1996 war Solidar Suisse in Mostar aktiv und setzte auf einen damals ungewöhnlichen Ansatz: nicht nur Wiederaufbau von Gebäuden, sondern Wiederaufbau von Gemeinschaft. Mit dem Schweizer Haus entstand ein Gemeinschaftszentrum, das Beratung, psychosoziale Unterstützung, juristische Hilfe und Ausbildungsangebote unter einem Dach vereinte. Mobile Teams erreichten dabei auch abgelegene Dörfer und unterstützten Menschen, die zu traumatisiert oder zu erschöpft waren, um selbst Hilfe zu suchen. Besonders wichtig war die konsequente Förderung von Frauenorganisationen und interethnischer Zusammenarbeit. Durch Gruppen wie Žene Mostara entstanden erstmals wieder stabile Kontakte über ethnische Grenzen hinweg – kleine, aber bedeutsame Schritte auf dem langen Weg zur Versöhnung.
Bis 1998 hatte Solidar Suisse über 5’500 Beratungen durchgeführt und arbeitete konsequent darauf hin, die Verantwortung schrittweise an lokale Partnerorganisationen wie Vrelo, DOM und später Piramida zu übergeben. Eine Zivilgesellschaft, die trägt – auch wenn die internationale Unterstützung endet.
Vom Wiederaufbau zur Zukunft
Einkommensförderung im Kosovo, ab 2000 
Häuser bauen war der erste Schritt. Doch was nützt ein Dach über dem Kopf, wenn das Einkommen fehlt? Solidar Suisse unterstützte Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im ländlichen Kosovo mit Landmaschinen, Imkereibedarf und dem Aufbau von Milchsammelstellen. Ab 2008 rückte die Organisationsentwicklung in den Vordergrund: Solidar Suisse half ländlichen Vereinen beim Aufbau tragfähiger Strukturen und der Ausarbeitung von Businessplänen. Zu den Partnerorganisationen gehörten auch die Witwen von Krusha, die mit dem Verkauf ihres hausgemachten Ajvars versuchten ihre Familien über Wasser zu halten. Ispiriert von der Lebensgeschichte von Fahrije Hoti, einer der Witwen entstand der Film Hive, der im Oktober 2021 in die Schweizer Kinos kam und die wirtschaftliche und soziale Situation der Witwen von Krusha im Nachkriegskosovo auf eindringliche Weise nachzeichnet.
Hive – Offizieller Trailer von Frenetic Films bei YouTube.
Wenn Arbeit fair sein soll, braucht es Strukturen
Förderung des Sozialdialogs in Nordmazedonien, Serbien, Bulgarien und Rumänien
Mit dem Ende der sozialistischen Systeme verloren Gewerkschaften in ganz Südosteuropa an Einfluss. Hohe Arbeitslosigkeit, informelle Wirtschaft und fehlende Sozialpartnerschaft prägten die Arbeitswelt.
Zwischen 2002 und 2010 engagierte sich Solidar Suisse in Rumänien, Bulgarien, Serbien und Nordmazedonien für den Aufbau funktionierender Sozialdialogsstrukturen. Es ging darum, Arbeitnehmer*innen, Arbeitgeber und staatliche Stellen an einen Tisch zu bringen – und zu zeigen, dass geregelte Arbeitsbeziehungen keine Schwäche sind, sondern eine Stärke. Besonders in Serbien entstanden dauerhafte Dialogstrukturen auf mehreren Ebenen, die bis heute nachwirken.
Arbeiter auf einer Baustelle in Serbien.
Junge Menschen, eigene Ideen, echte Wirkung
Jugend-Regionalprogramm Südosteuropa, ab 2009
Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Abwanderung – die Jugend Südosteuropas stand vor grossen Hindernissen. Solidar Suisse setzte auf einen ungewöhnlichen Ansatz: nicht Lösungen von oben, sondern Initiativen von unten. 2009 lancierte die Organisation einen Projektwettbewerb in Bosnien, Serbien und Kosovo. Aus 30 Ideen wurden die besten ausgewählt und bei der Umsetzung begleitet – in den Bereichen Berufsberatung, Jobvermittlung und Integration besonders benachteiligter Jugendlicher. Eine Studienreise in die Schweiz Ende 2011 gab den jungen Projektpartner*innen Einblick in das duale Bildungssystem. Was blieb, waren nicht nur neue Ideen – sondern Freundschaften über Landesgrenzen hinweg, die bis heute andauern.
Qualität als gemeinsame Sprache
Milchdialog Kosovo, 2010
Was verbindet Milchbauern und Molkereien, die sich misstrauen? Im Kosovo fand Solidar Suisse eine Antwort: verlässliche Daten, ein gemeinsamer Tisch und ein Moderator, dem beide Seiten vertrauten.
Bereits im Herbst 1999 startete die DEZA mit dem Transport von rund 500 Milchkühen in den Kosovo. Die Aktion „Kühe für Kosovo“ sorgte damals für einige Schlagzeilen und begründete einen thematischen Schwerpunkt der Schweizer Unterstützung im Nachkriegskosovo. Aufbauend auf jahrelangen Beziehungen zu kleinbäuerlichen Organisationen moderierte Solidar Suisse einen Branchendialog, der 2010 in eine gemeinsame Strategie der nationalen Verbände von Milchbauern und Molkereien mündete. Herzstück war ein Qualitätskontrollsystem für Rohmilch – das nicht nur die Produktqualität verbesserte, sondern auch die Einkommen der Bauernfamilien.
Eine Stimme für Patient*innen
Gesundheitsreform im Kosovo – Projekt Kosana
Wer krank ist, braucht nicht nur Medikamente, sondern auch das Recht, gehört zu werden. Im Kosovo fehlte lange beides: ein funktionierendes Krankenkassensystem und eine starke Stimme der Patientenorganisationen, besonders für vulnerable Gruppen wie Roma, Aschkali und Ägypter*innen oder Menschen mit chronischen Krankheiten.
Mit dem Projekt Kosana unterstützte Solidar Suisse über ein Jahrzehnt lang Patientenorganisationen und Gesundheitsfachpersonen, damit sie sich aktiv in die Gesundheitsreform einbringen können – insbesondere in die Diskussion um eine öffentliche Krankenkasse. Gemeinsam mit Partnern wie der Stiftung für Mutter und Kind, dem Diabetiker- und Autismusverband, dem Gewerkschaftsverband im Gesundheitssektor und dem Verein «Mothers and Babys» wurden Daten gesammelt, klare Positionen formuliert und Öffentlichkeitsarbeit sowie Lobbying gestärkt.
Obwohl die Gesundheitsreform ins Stocken geraten ist und noch immer kein Krankenkassensystem existiert, das eine Grundversicherung für alle garantiert, sind wichtige Verbesserungen erreicht worden: Die Forderung nach besserem Zugang der Roma-, Aschkali- und Ägyptergemeinschaften zum Gesundheitssystem ist in die nationale Minderheitenstrategie eingeflossen. Familien mit autistischen Kindern erhalten staatliche Sozialhilfe, Autismus ist Teil der frühkindlichen Untersuchung. Ein neues Verlegungssystem für Frühgeburten zum Universitätsspital Pristina rettet Leben, und Schwangerschaftsberatung, Diabetesabklärung sowie Insulinabgabe werden heute staatlich finanziert. Dank der langfristigen Zusammenarbeit mit den Patientenorganisationen konnten Solidar Suisse und ihre Partner auch zu Beginn der Covid-19-Pandemie 2020 die Bevölkerung rasch informieren und besonders gefährdete Gruppen gezielt unterstützen – ein Beleg dafür, wie stark die Stimme der Patient*innen durch Kosana geworden ist.
KOSANA Documentary
Eine Chance, die in der Schule beginnt
Berufsbildung in Kosovo und Serbien, ab 2017
Gute Berufsberatung kann ein Leben verändern – wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfindet. Solidar Suisse setzte mit den Projekten Pro Career und Pro Skills genau dort an: in öffentlichen Schulen, direkt im Lehrplan verankert.
In ausgewählten Gemeinden in Kosovo, Serbien und Bosnien und Herzegowina entstanden Strukturen für berufliche Orientierung und praktische Ausbildung, die über das Projektende hinaus weitergeführt werden. Pro Skills Kosovo wurde im Dezember 2024 erfolgreich abgeschlossen – ein würdiger Abschluss eines langjährigen Engagements für die Jugend der Region.
Niemanden zurücklassen
Flüchtlingsunterstützung in Bosnien, 2020–2024
An der EU-Aussengrenze in Westbosnien strandeten zwischen 2020 und 2024 Tausende Geflüchtete auf ihrem Weg nach Europa – viele ausserhalb staatlicher Aufnahmezentren, unter prekärsten Bedingungen. In dieser Situation unterstützte Solidar Suisse Migrant*innen rund um die Stadt Bihac mit Lebensmittel- und Hygienegutscheinen und erreichte mit mobilen Teams auch Menschen an abgelegenen Schlafplätzen. Ein besonderer Fokus lag auf psychosozialer Unterstützung für besonders Schutzbedürftige wie unbegleitete Kinder, allein reisende Frauen und Gewaltbetroffene, die bei Bedarf medizinische Hilfe erhielten oder in sichere Unterkünfte vermittelt wurden. Indem auch bedürftige lokale Haushalte einbezogen wurden, trug das Programm zur Entspannung sozialer Spannungen bei und stärkte das Vertrauen der Gastgemeinden in die humanitäre Hilfe.
Für faire Löhne und sichere Arbeit
Textilarbeiterinnen in Bosnien, 2020–2024
Die Textilindustrie in Bosnien und Herzegowina lebt von günstigen Löhnen – oft auf Kosten der meist weiblichen Beschäftigten. Solidar Suisse setzte sich zwischen 2020 und 2024 entschlossen für bessere Arbeitsbedingungen ein. Durch Kampagnen, Gewerkschaftsschulungen und enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen wurden konkrete Erfolge erzielt: Eine Klausel, die den Mindestlohn hätte unterlaufen können, wurde verhindert. 60 unrechtmässig entlassene Arbeiter*innen bekamen ihren Job zurück. Und mit der Labour Rights Academy entstand eine nachhaltige Bildungsplattform, aus der unter anderem die erste weibliche Präsidentin der Textilgewerkschaft in der Geschichte des Landes hervorging.
Gewalt erkennen. Handeln. Schützen.
Prävention von geschlechterbasierter Gewalt im Kosovo, bis 2025
Geschlechterbasierte und häusliche Gewalt ist im Kosovo ein gravierendes gesellschaftliches Problem – mit einer grossen Dunkelziffer, tief verankerten patriarchalen Strukturen und oftmals unzureichender Unterstützung für Betroffene. Vor diesem Hintergrund setzte Solidar Suisse gemeinsam mit dem Kosovar Gender Studies Center (KGSC) das dreijährige EU-finanzierte Projekt „Preventing Gender-Based Violence through Education and Awareness“ um, das bis Dezember 2025 erfolgreich abgeschlossen wurde. Das Projekt sensibilisierte breite Bevölkerungsgruppen dafür, dass Gewalt gegen Frauen eine Menschenrechtsverletzung ist, und stärkte gleichzeitig die lokalen Behörden, Sozialdienste, Polizei und Medien im Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt. Ein herausragender Erfolg war, dass die kommunalen Koordinationsmechanismen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt – oft zuvor nur auf dem Papier existent – erstmals flächendeckend mit klaren Abläufen, geschulten Akteuren und konkreten Aktionsplänen in die Praxis umgesetzt werden konnten. Mit gezielten Schulungen, Medienarbeit, Forschung und hochrangigen Advocacy-Aktivitäten trug das Projekt wesentlich dazu bei, dass Gemeinden heute schneller reagieren, Fälle besser erkennen und Betroffene wirksamer unterstützen können.
Video-Einblick: Mechanismen häuslicher Gewalt im Kosovo
Jugendliche reden – und die Gemeinde hört zu
Let’s Debate Change, ab 2021
Was wäre, wenn junge Menschen nicht nur über Politik reden dürften, sondern wirklich mitbestimmen könnten? Let’s Debate Change hat genau das erprobt.
Ab 2021 im Kosovo, ab 2024 auch in Bosnien und der Vojvodina in Serbien, richtete Solidar Suisse an öffentlichen Schulen Debattierclubs ein. Die Schüler*innen lernten, Positionen klar zu vertreten – und entwickelten Forderungen, die sie dem Gemeindeparlament präsentierten. Neue Pausenplätze, digitalisierte Bibliothekskataloge, zusätzliche Nachtbuslinien: kleine Projekte mit grosser Botschaft. Nämlich, dass die Ideen junger Menschen zählen.
Danke und auf dass wir globale Solidarität nicht verlernen
26 Jahre sind keine Selbstverständlichkeit. Sie sind das Ergebnis von Vertrauen – zwischen Menschen, zwischen Organisationen, zwischen der Schweiz und einer Region, die sich aus Krieg, Armut und Umbruch herausgearbeitet hat.
Die partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit steht heute im weltpolitischen Gegenwind. Solidar Suisse sah sich gezwungen, das Engagement in Südosteuropa per Ende 2025 zu beenden. Das schmerzt – denn die Arbeit ist nicht abgeschlossen, und der Bedarf bleibt. Und doch: Was in diesen Jahren entstanden ist, lässt sich nicht einfach beenden. Gewerkschaften, die ihre Mitglieder vertreten. Patientenorganisationen, die eine Stimme haben. Jugendliche, die gelernt haben, dass ihre Ideen zählen. Das wirkt weiter – unabhängig von Projektlaufzeiten und Budgets.
Die Erfahrungen, Partnerschaften und Erkenntnisse aus Südosteuropa fliessen heute in Programme in Asien, Afrika und Lateinamerika ein. Solidarität hört nicht an Grenzen auf.