Bedrohte Visionen
Beitragsinformationen
Autor
Sabin Bieri · 0 Kommentare
Beitrag teilen
Obwohl die internationale Zusammenarbeit weltweit Fortschritte gebracht hat, gerät sie heute politisch unter Druck: Kürzungen bedrohen nicht nur ein globales Projekt mit messbarer Wirkung, sondern auch die Idee einer gemeinsamen Zukunft, wo niemand zurückgelassen wird.
Koloniales Erbe und Kalter Krieg
Cahora Bassa zeigt, wie koloniales Erbe, Unabhängigkeit und Kalter Krieg die Entwicklungszusammenarbeit prägten. Lokale Eliten luden die Supermächte ein, Modernisierung und ökonomisches Wachstum zu fördern – ein Verständnis von «Entwicklung», dessen Ergebnis häufig auf Kosten der einheimischen Bevölkerungen ging. Natürlich gab es stets auch andere Formen der internationalen Zusammenarbeit (IZA) – so wurde Solidar Suisse (damals noch als Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH) 1984 in Mosambik tätig, unter anderem mit Projekten für demokratische Mitbestimmung. Dennoch steht Mosambiks Unabhängigkeitsgeschichte für so manches afrikanische Land.
Der Westen wollte die neuen unabhängigen Staaten für die eigene Ideologie gewinnen. Als «Erfinder» der Entwicklungshilfe, wie es damals hiess, gilt US-Präsident Harry Truman. Mit seiner Rede zur Lage der Nation 1949 – erstmals direkt im Fernsehen übertragen – wollte er seinen Wähler*innen eine gute Nachricht vermitteln und versprach, mittels wirtschaftlicher Impulse und Technologietransfer einen Entwicklungsschub in der «Dritten Welt» zu erzeugen – inspiriert vom Marshall-Plan und dem Wiederaufbau des kriegsversehrten Europas.
Eigennützig und doch visionsgeleitet
Beflügelt durch die Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika und die Ausrufung der «Ersten Entwicklungsdekade» durch die UNO 1960 folgten europäische Länder dem amerikanischen Beispiel. Die meisten staatlichen Entwicklungsagenturen entstanden in den frühen 1960er Jahren – so auch in der Schweiz. Das 1936 gegründete SAH begann damals ebenfalls im Globalen Süden zu arbeiten.
Über sieben Dekaden investierten sogenannte Gebernationen laut OECD fünf bis sechs Billionen Dollar an offiziellen Hilfsgeldern (Official Development Assistance – ODA). In den 1960er Jahren flossen insgesamt 50 bis 60 Milliarden, zwischen 2010 und 2019 im Schnitt jährlich rund 150 Milliarden, wovon 25 bis 30 Prozent nach Afrika gingen. Diese Steigerung lässt sich als stetige Verpflichtung der reichen Länder lesen, Armut zu bekämpfen, und die Lebensqualität und Chancen in weniger privilegierten Weltregionen zu fördern. Die Genderungleichheit wurde ebenfalls zunehmend adressiert – wenn auch nicht mit genügend Ressourcen und Systematik. Obwohl von handfesten geopolitischen Interessen geleitet, ist die Wirkung ihrer Vision – einer Welt, in der alle Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können – kaum zu überschätzen. Deren Preisgabe, die hinter dem beispiellosen Rückgang der ODA-Gelder in den letzten zwei Jahren steht, ist ein Verlust von enormer Tragweite. Was tritt an die Stelle dieser gemeinsamen Zukunftsvision der 2015 von über 190 Staatschef*innen unterschriebenen Agenda 2030?
Trotz handfester Wirkung …
Die investierten Gelder zeigten handfeste Wirkung: Der Rückgang von Armut, Kinder- und Müttersterblichkeit sowie die Errungenschaften in der Grundbildung sind ermutigend. 1990 besuchten etwa 82 Prozent der Kinder die Primarschule, 2020 waren es 91 Prozent – profitiert haben vor allem Mädchen. IZA-Projekte werden regelmässig auf ihre Wirkung hin untersucht – nicht nur aus Rechenschaftspflicht. Ihr Anteil an der unbestrittenen Verbesserung der Lebensverhältnisse rund um den Globus ist nicht einfach festzustellen. Doch Wirkungsanalysen können mittlerweile auch komplexe Projektanlagen untersuchen und Programme entsprechend korrigiert werden.
… massive Kürzungen
Trotzdem verliert die IZA politisch massiv an Rückhalt (in der Schweiz allerdings nicht in der Bevölkerung, wie eine ETH-Studie zeigt. Erstmals reduzieren die fünf grössten Gebernationen (USA, Deutschland, Britannien, Japan, Frankreich), die gemeinsam gut 95 Prozent der Gelder stellen, gleichzeitig ihre Beiträge. Die Schweiz, Rang 12, liegt nicht nur bei Kürzungen im Trend, sondern auch mit dem Entscheid, einen substanziellen Teil ihrer Mittel für die Ukraine auszugeben, die damit zum grössten Empfängerland wurde: 2025 flossen über 44 Milliarden Dollar dorthin – deutlich mehr als in die «am wenigsten entwickelten Länder». Besorgniserregend: Die USA, reichstes Land der Welt und bisher grösste Gebernation, stellen fast sämtliche Gelder ein. Dahinter, und das ist die epochale Verschiebung, zeichnet sich die neue Vision ab, die jene der Agenda 2030 abzulösen scheint: Fortan gelten wieder das Recht des Stärkeren, jedes Land zuerst für den eigenen Vorteil.
«Fortan gelten wieder das Recht des Stärkeren, jedes Land zuerst für den eigenen Vorteil.»
Für die Schweiz öffnet sich ein Gelegenheitsfenster: Statt im Strom der grossen Gebernationen mitzuschwimmen, könnte sie ihre IZA stärken und so ihre Position in der internationalen Gemeinschaft stabilisieren. Auch bei Solidar Suisse erleben wir, wie sich Organisationen zurückziehen, wie Lieferketten zusammenbrechen und lokale Partnerorganisationen ihre Arbeit reduzieren müssen. Zusammen mit ihnen kämpfen wir für eine solidarische Welt und gegen Armut und Ungleichheit.
Unser Magazin Soli
Zwischen Aufbruch und Hoffnung, Machtpolitik und kolonialen Kontinuitäten hat die internationale Zusammenarbeit (IZA) die Armut gesenkt, den Zugang zu Bildung verbessert und die Gendergerechtigkeit gestärkt.
Trotzdem steht die IZA heute unter Druck: Institutionen kürzen Gelder, nationale Interessen dominieren. Damit geraten ein wirksames Instrument und die Vision globaler Solidarität ins Wanken, und es stellt sich die Frage, wer Verantwortung für die Auswirkungen von Klimawandel, schädlichen Konsummustern und weltwirtschaftlicher Ungleichheit übernimmt.
Erfahren Sie in der neuen Soli, was es braucht, um die Vision der internationalen Zusammenarbeit weiterzutragen.
Beitragsinformationen
Autor
Sabin Bieri
Kommentare