Gender einbeziehen!

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Vom Nähkurs zur Systemveränderung: Wie Gender die internationale Zusammenarbeit (IZA) verändert hat – und warum es noch nicht reicht.

Frauen sind häufiger von Armut, aus­beuterischen Arbeitsbedingungen oder geschlechtsspezifischer Gewalt betrof­fen. Die Verbesserung ihrer Lebensbe­dingungen hätte daher hohe Priorität. Trotzdem formulieren nur 47 Prozent aller IZA-Projekte konkrete Gleichstel­lungsziele, und nur bei vier Prozent ist sie das Hauptziel, wie eine jährlich von der OECD durchgeführte Erhebung zeigt (siehe Grafik). Zudem leiden solche Projekte besonders unter den aktuellen Budgetkürzungen.

Anteil der öffentlichen Entwicklungshilfe mit Gleichstellungszielen 2023/24. Quelle: OECD Data Explorer, Creditor Reporting System

Von Häkelkursen zum Gender-Mainstreaming

In den 1970er Jahren wurden mit dem Ansatz «Women in Development» erst­mals Frauenaspekte berücksichtigt. Dies bedeutete separate Aktivitäten, die mit dem eigentlichen Projektziel kaum ver­knüpft waren. Zum Beispiel Näh- oder Häkelkurse für Frauen in Landwirt­schaftsprojekten, anstatt ihnen Zugang zu Land oder landwirtschaftlicher Aus­bildung zu verschaffen – auch in Kontex­ten, in denen Frauen einen Grossteil der Feldarbeit erledigten.  In den 1980er Jahren kam dieser Ansatz in die Kritik. Die Geschlechter­ungleichheit wurde als strukturelles Problem anerkannt und das Gender-Mainstreaming etabliert: Fortan sollte jedes Projekt Gender als Querschnitt­aufgabe berücksichtigen. Das heisst, dass ausgehend von einer Genderanalyse Projektaktivitäten und Strategien so gewählt werden, dass sich die Wir­kung für beide Geschlechter gleicher­massen entfalten kann.  Dies war ein entscheidender Wen­depunkt, und Gender-Mainstreaming bleibt bis heute ein anerkannter Quali­tätsstandard, der allerdings zu wenig konsequent umgesetzt wird. Oftmals werden die erforderlichen finanziellen und personellen Ressourcen nicht be­reitgestellt, und die Genderperspektive verkommt zur Alibiübung ohne konkre­te Massnahmen.

Feministische Entwicklungspolitik

In den 2020er Jahren wurde zunehmend erkannt, dass Gender-Mainstreaming selbst bei guter Umsetzung nicht aus­reicht, um strukturelle Ursachen von Geschlechterungleichheit zu beheben. So entstand der gendertransformative Ansatz, der diskriminierende Struktu­ren, Geschlechterrollen und -stereoty­pen sowie Gesetze dauerhaft verändern will. Geschlecht wird nicht isoliert an­geschaut: Die intersektionale Betrach­tungsweise berücksichtigt, dass sich ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Ori­entierung, soziale Schicht oder Beein­trächtigungen überschneiden und Dis­kriminierung verstärken. Unter dem Leitmotiv «Leave no one behind» präg­te diese Idee auch die Ziele für nach­haltige Entwicklung (SDG).  Zugleich formulierten Länder wie Deutschland, Spanien, Kanada, Schweden oder die Niederlande eine feministische Entwicklungspolitik und setzten mit gendertransformativen Pro­jekten neue Massstäbe. Auch die Di­rektion für Entwicklung und Zusam­menarbeit DEZA gehört zu den führenden Akteur*innen, unter ande­rem mit der Finanzierung des Projekts «Vida sin violencia» zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt in Bolivien, das von Solidar Suisse um­gesetzt wurde.

Und wie sieht es bei Solidar Suisse aus?

Solidar definiert Frauen seit vielen Jah­re als zentrale Zielgruppe und hat keine Berührungsängste gegenüber der Frau­enbewegung. Im Kampf gegen ge­schlechtsspezifische Gewalt in Latein­amerika fördern wir innovative Ansätze, die auch von der DEZA und der schwe­dischen Sida finanziert werden. In Asi­en unterstützt Solidar Gewerkschaften im Kampf gegen Ausbeutung im Textil­sektor, in dem vorwiegend Frauen arbei­ten. Wir fördern ihre Mitsprache und Leadership und konnten so erreichen, dass frauenspezifische Anliegen priori­siert werden. Auch in der humanitären Zusammenarbeit setzt Solidar Suisse stark auf die Verbesserung der Lebens­bedingungen von Frauen. Beispielswei­se in der Ukraine mit psychosozialen Unterstützungsangeboten für intern vertriebene Frauen, der Beratung Be­troffener von genderspezifischer Gewalt und der Stärkung von Frauenrechtsor­ganisationen. Doch auch bei Solidar Suisse wird das systematische Gender-Mainstrea­ming nicht immer genügend konse­quent umgesetzt. Um es besser institu­tionell zu verankern und gendertrans-formative Ansätze zu fördern, überar­beiten wir zurzeit unsere Gender-Policy. Darin definieren wir Ziele und Prozesse, welche die Gleichstellung innerhalb der Organisation und in den Programmen systematisch verankern. Geplant ist auch die Schulung von eigenem Perso­nal und Partnerorganisationen, damit sie das nötige Fachwissen für die Um­setzung haben.

Unser Magazin Soli

Zwischen Aufbruch und Hoffnung, Machtpolitik und kolonialen Kontinuitäten hat die internationale Zusammenarbeit (IZA) die Armut gesenkt, den Zugang zu Bildung verbessert und die Gendergerechtigkeit gestärkt. Trotzdem steht die IZA heute unter Druck: Institutionen kürzen Gelder, nationale Interessen dominieren. Damit geraten ein wirksames Instrument und die Vision globaler Solidarität ins Wanken, und es stellt sich die Frage, wer Verantwortung für die Auswirkungen von Klimawandel, schädlichen Konsummustern und weltwirtschaftlicher Ungleichheit übernimmt. Erfahren Sie in der neuen Soli, was es braucht, um die Vision der internationalen Zusammenarbeit weiterzutragen.

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